Nachdenkliches

In Erinnerung an einen Freund, getötet von den Hundefängern des Flavius Bărbulescu

 “Ein Leben bedeutet nichts, doch nichts bedeutet so viel wie ein Leben”

 Nemo war ein Hund mit einem Fell so golden wie die Kastanienblätter im Herbst, mit einer weißen Schnauze und Augen lebendig wie Quecksilber.

Nemo war der einzige Hund, den ich immer wiedererkannte, in jeder Box und in jedem Zustand, er war das einzige stille Bild im haarsträubenden Kaleidoskop des Tierheims in Stupini, wo Hunde auftauchten und verschwanden wie Geister. Ich habe ihn Dutzende Male gesehen, in allen Jahreszeiten, schwimmend im Dreck, zitternd im Schnee, ich habe ihn nass, dreckig und erschöpft gesehen, bis auf die Knochen abgemagert, ich habe ihn genesend gesehen und auch blutend, verwundet an den Beinen, an der Nase, an der Zunge. Kein einziges Mal, während der über hundert „Wiedersehen“ hat Nemo vergessen an das rostige Zwingergitter zu springen, es kaum erwartend, uns zu lecken oder seine weiße Schnauze in unseren Händen zu vergraben.

Nemo war der einzige Hund,  der mehr als ein Jahr im Lager des Hundefängers Bărbulescu überlebt hatte und war somit mehr als ein einfacher Hund. Er war ein Symbol. Das Symbol des Widerstands in jenem finsteren Tierheim, ein Symbol der Hoffnung. Nemo war der erste Hund,  der die Hundefänger besiegte und ihnen bewies, dass es Leben auch nach der Einkerkerung in Stupini gab. Vielleicht hätten wir ihn retten können, doch wir durften es nicht.  Es schien uns, dass das heldenhafte Überleben dieses Hundes etwas von dem wundersamen Überleben der an grauenhaft verseuchten Orten eingesetzten „Wächter“-Tiere hatte. Wir meinten, es sei Nemos Schicksal dort, unter seinen jämmerlichen Genossen zu sein, um sie irgendwie durch seine bloße Gegenwart zu beschützen, wie ein Talisman.

Mittwoch, den 10. April, hat der von uns herbeigebrachte Tierarzt Nemo geimpft. Es war ein schöner Tag, die Hundefänger lachten und Brânduşa Popa erklärte gutmütig dass Nemo „unser Liebling“ sei. Nemo duldete brav das Impfen und nachher sprang er auf und leckte wie im Rausch unsere Hände, wie er es seit genau einem Jahr, einem Monat und vier Tagen tat.

Am nächsten Tag war alles umsonst gewesen. Noch bevor wir zum Heim gelangten, hatten die Jünger des Bărbulescu Nemo getötet, seine Leiche zusammen mit denen anderer Hunde in einen dreckigen Kleintransporter verladen und sie schnellstens zum Krematorium geschafft. Bevor er getötet worden war, hat Nemo wahrscheinlich seine Mörder geleckt und gewedelt, bis sich sein Blick trübte…

Erst später, als die Polizei gekommen war und wir die Protokolle unterschrieben hatten, umgeben von den düsteren Gesichtern und den Alkoholfahnen der Hundefänger begriffen wir, dass Nemo nicht zufällig getötet worden war. Unser Held bezahlte mit dem Leben dafür, dass er ein Symbol war, unser Symbol, und der Hundefänger Bărbulescu hatte instinktiv die Bedeutung der Zerstörung der feindlichen Symbole in einem Krieg verstanden.  

Nemo  musste auch sterben, weil er ein Symbol der Schwäche des Bărbulescu war, der Hauch des Zweifels, der am Glauben des Hundefängers rüttelte, gefestigt in 10 Jahren Tiertötungen. Bărbulescu konnte weder seine Entfremdung  riskieren, noch es sich leisten, nicht mehr er selbst zu sein.

Und weil ein Symbol das Wesen, das es verkörpert hat,  überlebt, reichte es nicht aus, dass Nemo physisch verschwand. Sein Andenken musste zerstört werden, er musste einer abscheulichen Kategorie zugeordnet werden, er musste symbolisch getötet und von einer offiziellen Lüge zerdrückt werden. So wurde eine groteske Geschichte erfunden, in der Nemo einen der Hundefänger, die ihn „fütterten“ angeblich gebissen hatte, was sein unwiderrufbares Todesurteil bedeutete, denn er war nun ein „aggressiver Hund“.

Die „Zuständigkeiten” wurden genau verteilt, wie in jeder achtbaren Seilschaft. So gab Bürgermeister Scripcaru den allgemeinen Ausrottungsbefehl für die Hunde in Brasov, Vizebürgermeister Atomei bewilligte mit einem warmen Lächeln (in Gedanken bei seinem letzten Japanausflug) die Tötung in Brasov Stupin, die Beamten der Veterinärdirektion fälschten die Inspektionsblätter und Kontrollnotizen,  so dass der dreckige Stall des Bărbulescu in Brasov todbringend weiterbestehen kann,  und die Hundefängerschergen bringen die Hunde gnadenlos um .

Nemo war ein Hund mit einem Fell so golden wie die Kastanienblätter im Herbst, mit einer weißen Schnauze und Augen lebendig wie Quecksilber.

Nemo überlebte genau ein Jahr, einen Monat und 5 Tage in der Vernichtungsstation von Stupini.

Wir nannten unseren namenslosen Held Nemo, weil er die Farben eines Clownfisches hatte, und weil Nemo „Niemand“ bedeutet (und die meisten in Stupini getöteten Hunde sind „Niemand“), aber auch weil das Abenteuer unseres armen Niemand kurz vor einem möglichen glücklichen Ende endete, wie das Abenteuer des berühmten Clownfisches.

Nemo hat nie auf den Namen Nemo geantwortet, weil wir ihn erst jetzt, beim Schreiben dieser Zeilen so nannten. Er hätte ihm sowieso nichts ausgemacht bei welchem Namen er gerufen wurde, solange er nur gerufen wurde…

Nemo wurde von den Hundefängern des Flavius Bărbulescu am 11. April 2013  getötet. Von Nemo blieb nichts mehr übrig als unsere Erinnerung, ein paar Fotos, ein kurzer Film und viel Bedauern… Adieu, Nemo, adieu guter, namensloser Freund … und wenn du kannst, vergib uns …

Tierfreunde aller Nationen helft uns, dieses Grauen zu beenden, helft den namenlosen Nemos, schreibt an die Verantwortlichen, was Ihr von diesem grausamen Morden haltet. Entfacht einen Sturm für die Opfer des Krieges gegen die Hunde in Rumänien.

 Claudiu Dumitriu und Codrut Feher, Brasov

 Hundefänger:

Serviciul Public pentru Gestionarea Animalelor Brasov

Flavius Barbulescu

B-dul Mihail Kogalniceanu, nr.23, bl.C7, etaj IV, camera 401

500090 Brasov, Romania

Email: spgabv@yahoo.com

FAX: +40 268 547815

Rathaus: Primaria Municipiului Brasov

Bürgermeister: George Scripcaru

Bulevardul Eroilor 8, Brașov 500007

Email: george.scripcaru@brasovcity.ro

scripcaru@brasovcity.ro

FAX: +40 268 470147

Vize-Bürgermeister:

Primaria Municipiului Brasov

Adrian Atomei

Bulevardul Eroilor 8, Brașov 500007

adrian.atomei@brasovcity.ro

adrian_atomei@yahoo.com

Veterinärische Direktion

DSVSA Brasov

Enache Dorin Valter

Str. Feldioarei Nr. 20A

Email: dsvbv@rdslink.ro    FAX:  0040-268-441-722


 

Die vergessenen Seelen Rumäniens

Sie blicken mich an, ruhig, geduldig, hoffnungsvoll. Sie warten, so wie sie es ihr Leben lang getan haben. Sie warten darauf, dass ihr Leben beginnt. Inzwischen ist das Gesicht grau geworden, die Augen leicht trüb, die Gelenke etwas steif. Sie haben viel erlebt, leider nichts Schönes. Ihr Leben war geprägt von allen nur vorstellbaren Entbehrungen. Es fehlte an Futter, Wasser, Wärme, Bewegung, Kontakt und Zuneigung. Sie ertrugen Hunger, Durst, Kälte, Schmerzen, Demütigungen und die schwere Kette um ihren Hals. Doch was das schlimmste für sie alle war: Es gelang ihnen in all den Jahren nicht, zu ihrem Menschen vorzudringen. Verzweifelt hatten sie immer und immer wieder aufs Neue versucht sich mitzuteilen, zu vermitteln, dass sie nichts schmerzlicher vermissten als die Freundschaft zu einem Menschen. Nun, da sie alt und nutzlos geworden sind, hat man sich ihrer entledigt. Im Tierheim abgeliefert, ohne sich noch einmal nach ihnen umzudrehen. Hier hat zumindest die Gewalt aus Menschenhand meist ein Ende. Doch auch hier herrscht ein rauer Kampf ums Überleben. Auch hier warten sie. Sie warten Jahr um Jahr. Doch ein kleiner Funken Hoffnung bleibt in ihnen bestehen. Das kann doch nicht alles gewesen sein, sie waren doch dazu bestimmt ihren Menschenfreund zu finden. Deshalb blicken sie mich tief und eindringlich an.

Egal welches Tierheim in Rumänien ich betrete, überall finden sich diese verlorenen Seelen. Es ist mir fast unmöglich ihren Blicken stand zu halten, denn sie erzählen von all der Ungerechtigkeit die ihnen wiederfahren ist. Wäre es nicht unsere Aufgabe, wieder gut zu machen, was die Menschheit an ihnen verbrochen hat? Soll all das Leid völlig sinnlos gewesen sein? Sollen sie wirklich nicht ein einziges Mal in ihrem Leben frei sein, Gras unter ihren Füssen spüren, satt und zufrieden einschlafen, sich sicher fühlen? Sollen sie tatsächlich niemals erfahren, wie schön es ist einem Menschen vertrauen zu können? Sollen sie all die Jahre umsonst gewartet haben?

All diese Hunde haben keine Chance auf Vermittlung, nur weil sie alt sind. Die Scheu einem alten Hund ein Zuhause zu geben ist groß: Kann sich der Hund noch eingewöhnen? Hat er vielleicht das ein oder andere Gebrechen? Womöglich stirbt er auch bald. Tatsächlich kann keiner sagen wie viele Jahre sie noch haben. Doch dies ist ihr einziges Leben, ihre einzige Chance. Ich kann nur sagen, dass wir die allerbesten Erfahrungen mit diesen älteren Hunden gemacht haben. Sie sind anpassungsfähig, bescheiden und unendlich dankbar. Sie sind eine Bereicherung für das eigene Leben, sie erwarten nicht viel und geben einem unglaublich viel zurück.

Ich finde, sie haben alles Recht zu leben. Bevor es zu spät ist.

Nina Schöllhorn

 

Leihe mir ein kleines Tier

Ich will Dir ein kleines Tier für eine Weile leihen,

hat Gott gesagt.

Damit Du es lieben kannst, solange es lebt

und trauern, wenn es tot ist.

 

Vielleicht für zehn oder dreißig Jahre,

vielleicht auch zwei oder drei.

Wirst Du darauf aufpassen, für mich,

bis ich es zurückrufe ?

 

Es wird Dich bezaubern,

um Dich zu erfreuen,

und sollte sein Bleiben nur kurz sein,

Du hast immer die Erinnerungen,

um Dich zu trösten.

 

Ich kann Dir nicht versprechen, dass es bleiben wird,

weil alles von der Erde zurückkehren muss,

aber es gibt eine Aufgabe,

die dieses Tier lernen muss.

 

Ich habe auf der ganzen Welt

nach dem richtigen Lehrer gesucht.

Und von allen Leuten, die die Erde bevölkern,

hab ich Dich auserwählt.

Willst Du dem Tier all Deine Liebe geben

und nicht denken, dass Deine Arbeit umsonst war ?

Und mich auch nicht hassen,

wenn ich das Tier zu mir heim hole ?

 

Mein Herz antwortete :

“Mein Herr, dies soll geschehen.

Für all die Freuden, die dieses Tier bringt,

werde ich das Risiko der Trauer eingehen.

Wir werden es mit Zärtlichkeit beschützen

und es lieben, solange wir dürfen.

Und für das Glück, das wir erfahren durften,

werden wir für immer dankbar sein.

 

Aber solltest Du es früher zurückrufen,

viel früher als geplant,

werden wir die tiefe Trauer meistern

und versuchen, zu verstehen.

 

Wenn wir es mit unserer Liebe geschafft haben,

Deine Wünsche zu erfüllen,

in Erinnerung an ihre süße Liebe.

Bitte, hilf uns in unserer Trauer.

 

Wenn unser geliebtes Tier

diese Welt voll von Spannung und Zwietracht verläßt,

schicke uns doch bitte eine andere bedürftige Seele ,

um sie ein Leben lang zu lieben.“

 

4 Gedanken zu „Nachdenkliches

  1. Gerade habe ich, gerührt von Euren Worten, eine über Google ins Rumänische übersetzte eindringliche Bitte an den Bürgermeister von Brasov geschickt, mit dem Hundemord endlich aufzuhören. Vielleicht nützt es doch etwas, wenn wir nicht locker lassen.

    • Danke! Es hat ja zunächst auch genützt – Mona behält die Tierheimleitung und damit sind die Hunde sicher. Hoffen wir mal, dass die Stadt künftig auch wieder Geld gibt und nicht Mona alles auf eigene Kosten bestreiten muss.

  2. Ich habe gerade den Bericht von Nemo gelesen, jetzt bin ich nur noch am weinen. WARUM konnte man Nemo nicht retten?????? Im Bericht über ihm steht doch wie lange man ihn begleitet hatte, man hat seine Wunden gesehen, man hat gesehen wie er im Winter gefrohren hat und wie er abgemagert war. WARUM hat man dieses arme Kerlchen nicht dort heraus geholt????? Jetzt schreibt man über ihn, wo es zu spät ist. Ich verstehe das nicht, wie kann man zu lassen das diese Tier mit einem Fell so golden wie die Kastanienblätter im Herbst, mit einer weißen Schnauze und Augen lebendig wie Quecksilber seien Schicksal überlässt. Was soll das jetzt??? Man hätte ihn helfen können und diese Leute haben es nicht getan, also brauch man auch nicht darüber schreiben, jetzt ist alles noch viel schlimmer. Das kleine Kerlchen hätte bestimmt ein liebevolles zu Hause gefunden. Wie kann man ihn dort über ein Jahr in diesem Tierheim von Mördern lassen??????? Es ist zum Verzweifeln, man ließt das und es geht einen überhaupt nicht mehr aus dem Kopf und helfen kann man Nemo jetzt auch nicht mehr. Man hätte wissen müssen, daß so etwas jeden Tag dort hätte mit Nemo passieren können und man hat ihn einfach seinem Schicksal überlassen. Ich hasse diese Leute die das zugelassen haben dafür. Sie sind nicht besser als alle Anderen dort. PFUI TEUFEL. Jetzt brauch man auch nicht mehr darüber berichten, wo er tot ist.

    Mit traurigen Grüßen

    Gabriela Behling mit Dackeline Virginia

    • Hallo Frau Behling,

      ich verstehe Ihre Trauer gut – mir ging es auch nicht anders. Der rumänische tierschützer, der über ihn berichtet hat, hat dort in Brasov über Monate mit Polizeibegleitung die Hunde gefüttert, er prozssiert gegen die Hundefänger. Wir helfen sehr vielen Hunden, brauchen aber Spenden und Pflegestellen um das leisten zu können. Wenn Sie helfen möchten, dann freuen wir uns auch Ihren Anruf.

      Viele Grüße

      Kirsten Heinzel

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